Ein Wohnzimmer für Weida

Wer in diesen Tagen an der Wismarer Straße 4 –12 vorbeikommt, dem fällt sofort ein neuer Blickfang ins Auge. Auf dem Giebel des Wohnhauses hat die Wohnungsgesellschaft Riesa mbH (WGR) ein großformatiges Wandbild realisiert, das weit mehr ist als eine dekorative Fassadengestaltung. Es erzählt ein Stück Riesaer Stadtgeschichte und schlägt zugleich eine Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Auf den ersten Blick wirkt das Motiv überraschend vertraut: Zu sehen ist ein Wohnzimmer mit Sofa, Pflanzen und einer gemütlichen Wohnatmosphäre. Im Mittelpunkt hängt ein großformatiges Gemälde. Erst bei genauerem Hinsehen erschließt sich die eigentliche Aussage des Kunstwerks. Das Bild im Bild zeigt Stahlwerker bei ihrer Arbeit und verweist damit auf die Wurzeln des Wohngebietes Weida.

Geschichte eines Wohngebietes

Die Gestaltung eröffnet bewusst eine Perspektive von innen heraus. Das Wohnzimmer steht sinnbildlich für das Zuhause vieler Generationen von Bewohnerinnen und Bewohnern in Weida. Das Gemälde an der Wand erzählt dabei die Geschichte des Wohngebietes selbst.
Denn die Entstehung Weidas ist unmittelbar mit der Entwicklung der Stahlindustrie in Riesa verbunden. Als die DDR Ende der 1950er Jahre den Ausbau ihrer metallurgischen Basis beschloss, wurden auch die Produktionskapazitäten des Stahlwerks Riesa erheblich erweitert. Gleichzeitig entstand im benachbarten Zeithain ein neues Rohrwerk zur Herstellung nahtloser Stahlrohre.

Für die zahlreichen Arbeitskräfte, die aus allen Teilen der DDR nach Riesa kamen, wurden dringend Wohnungen benötigt. Innerhalb weniger Jahre wuchs das Wohngebiet Weida um rund 3.500 Wohnungen. Viele Stahlwerker und Stahlwerkerinnen fanden hier gemeinsam mit ihren Familien ein neues Zuhause. In den Neubauwohnungen entstand ein neues Lebensumfeld mit Nachbarschaften, Hausgemeinschaften und einer engen Verbundenheit zum Arbeitsleben in den Werken.
Bis heute leben in Weida zahlreiche Menschen, die damals zu den ersten Bewohnern gehörten. Gleichzeitig wohnen hier längst auch die Kinder, Enkel und Urenkel jener Generationen. So ist die Geschichte des Stadtteils bis heute eng mit der Entwicklung des Industriestandortes Riesa verknüpft. Auch das heutige Feralpi Stahlwerk gehört weiterhin zu den wichtigsten Arbeitgebern und Wirtschaftsmotoren der Region.

Walter Harras – Chronist der Arbeitswelt

Das zentrale Motiv des Wandbildes stammt von Walter Harras, einem Künstler aus Großenhain. Nach einer Ausbildung zum Dekorationsmaler studierte Harras ab 1920 an einer privaten Kunst- und Gewerbeschule in Berlin. Zunächst arbeitete er als Gebrauchs- und Werbegrafiker sowie als Illustrator. Nach dem Zweiten Weltkrieg widmete er sich zunehmend der Malerei und schuf zahlreiche zeitgenössische Werke.
Seine Bilder zeigen häufig Werktätige, Bauern und Industriearbeiter bei ihrer täglichen Arbeit. Ab 1946 war Harras als Auftragsmaler für das Stahl- und Walzwerk Gröditz tätig. 1958 schloss er gemeinsam mit dem Dresdner Maler Waldo Köhler einen Fördervertrag mit dem Stahl- und Walzwerk Riesa ab. Darüber hinaus arbeitete er zeitweise auch als Mal- und Zeichenlehrer im Werk.

Das auf dem Giebel dargestellte Gemälde „Der Stahlwerker“ ist zwar undatiert, befand sich jedoch nachweislich bis zur politischen Wende in einer Nachfolgeeinrichtung der ehemaligen Ingenieurschule für Walz- und Hüttentechnik Riesa. Daher ist mit großer Wahrscheinlichkeit davon auszugehen, dass das Werk im unmittelbaren Umfeld des Riesaer Stahlwerks entstand. Die Genehmigung zur Nutzung des Motivs erhielt die WGR freundlicherweise von Sohn Lutz Harras, der bis heute im ehemaligen Elternhaus in Großenhain lebt.

Berliner Künstler am Werk

Für die künstlerische Umsetzung beauftragte die WGR das Unternehmen Graco Berlin, die das Projekt mit fachlicher Expertise und künstlerischer Präzision eindrucksvoll umgesetzt haben. Dafür arbeiteten drei Künstler mehrere Tage an der Giebelgestaltung. Zum Künstlertrio gehörte auch Malte Nickau, Experte für urbane Lebensraumgestaltung, der bereits zahlreiche nationale und internationale Fassadenprojekte begleitet hat.

Auch in Riesa ist Nickau kein Unbekannter. Bereits im Jahr 2020 gestaltete er gemeinsam mit seinem Team zahlreiche Fassaden in der Kirchstraße in Gröba und machte dort die Geschichte des Straßenzuges auf eindrucksvolle Weise sichtbar.

Mit dem neuen Wandbild an der Wismarer Straße ist nun ein weiteres Kunstwerk entstanden, das nicht nur einen Giebel verschönert, sondern die Geschichte eines ganzen Wohngebietes erzählt. Es erinnert daran, dass Wohnen und Arbeiten in Riesa seit Generationen eng miteinander verbunden sind und, dass die Wurzeln Weidas bis heute sichtbar bleiben.